Ausschuss Offene Hilfen

Der Ausschuss Offene Hilfen ist seit dem 01.01.2011 ein neuer Ausschuss des Landesverbandes. Er vereint die bisherigen Ausschüsse Familienentlastende Dienste und den Freizeitausschuss zu einem neuen Gremium für den ambulanten Bereich.

Der Bereich Offene Hilfen hat seit einigen Jahren rasante Entwicklungen vollzogen. In vielen LEBENSHILFEN haben sich die ambulanten Angebote deutlich verändert und sind vielfältiger geworden, ganz im Sinne der Menschen mit Behinderung und Familien mit behinderten Angehörigen.

Viele neue Angebote in Niedersachsen haben eine breitere Hilfe-  und Angebotspalette geschaffen.

Der neue Ausschuss Offene Hilfen widmet sich zukünftig u.a. folgenden Bereichen:

  • Familienenlastende Dienste (FED/FUD)
  • Reiseangebote
  • Freiwilligenmanagement
  • Sportangebote
  • Freizeitangebote
  • Offene Treffpunkte für Menschen mit Behinderungen
  • Integrationsassistenz und Schulassistenz

Menschen mit Behinderungen und Familien mit behinderten Angehörigen sind meist über viele Jahre hinweg von besonderen Anforderungen und Belastungen betroffen.
Offene Hilfen wollen die Menschen mit Behinderung und ihre Familien im Alltag unterstützen und sie bei der Betreuung und Pflege des behinderten Angehörigen entlasten. Sie bieten ihre Dienste von einigen Stunden bis zu mehreren Wochen an (z.B. Urlaubsvertretungen). Reiseangebote, Offenen Treffpunkte und Freizeitangeboten runden das Spektrum ab.

Aufgaben des Ausschusses Offene Hilfen sind:

  • Entwicklung und Information über Finanzierungsformen
  • Konzeptionsfortschreibung im System "Offene Hilfen"
  • Stellungnahmen zu Gesetzesinitiativen
  • Initiativen zur finanziellen Absicherung der Freizeitaktivitäten
  • Erarbeiten von Konzepten
  • Durchführung von fachspezifischen Tagungen
  • Öffentlichkeitsarbeit z. B. der Aktionstag der LEBENSHILFE Niedersachsen

Aktionstag der LEBENSHILFE Niedersachsen
Bericht einer Besucherin des Aktionstages 2010 in Celle:

Wahre Freude

Die Traumfäden der letzten Nacht waren mit dem endgültigen Aufwachen aus meinem Bewusstsein verschwunden und ich hatte mich vorbereitet für den normalen Tagesablauf. Wie jeden Morgen hatte ich meine Alltagsmaske aufgesetzt, mir ein Lächeln ins Gesicht geschminkt und meine Sorgenfalten glattgezogen , damit ja keiner merkte, wie es wirklich in mir aussah. Aber jener Tag war anders als die vielen, vielen Einerlei-Tage zuvor ....

Es war ein Samstag im Spätsommer. Regen und Sonne gestalteten das Wetter an diesem Tag. Mein Mann und ich besuchten den Aktionstag der Lebenshilfe Niedersachsen am Celler Schloß. Diverse Vorführungen waren angekündigt und wir waren einfach interessiert. Als wir ankamen, waren wir von der Vielfalt des Angebotes etwas erschlagen. Informationsstände über Förderschulen und betreutes Wohnen, Bühnen für Musik und Vorführungen, Getränke- und Imbissbuden waren aufgebaut. Außerdem wurde ein Mensch-ärger-Dich- nicht Spiel mit Lebendfiguren angeboten. Eine Tauschwand, an der man einfach irgendetwas in ein Fach legen konnte und dafür den Inhalt aus diesem Fach entnehmen durfte. Man konnte Paddeltouren auf dem Schloßgraben unternehmen. Ein Kinderzirkus trat auf, der zum Mitmachen einlud, usw., usw.

Besucht war die Veranstaltung wirklich gut. Verschiedene Behindertengruppen aus Niedersachsen mit ihren Betreuern waren vertreten, aber auch Einzelfamilien mit gehandicapten Kindern. Es war zu spüren, wie die Behinderten diese Veranstaltung, die für sie ausgerichtet wurde, mit Freude annahmen. Wir gingen etwas befremdet durch die Reihen, so viele Behinderte machten doch irgendwie befangen.

Und dann kamen wir zur Bühne 8 – dort trat gerade eine Gesangsgruppe aus Wolfsburg auf und sang „... aber bitte mit Sahne“ von Udo Jürgens. Wir blieben stehen und hörten zu. Ich zuckte zusammen als mehr als ein Mal nicht der Ton getroffen wurde. Schrill und schräg klang es in meinen Ohren. Aber dann kullerte eine kleine Träne über meine Wange, als ich erkannte, dass es gar nicht darum ging, Udo Jürgens zu hundert Prozent zu imitieren. Nein, hier zählte nur die Freude am Singen. Der Stolz der Interpreten auf einer Bühne singen zu dürfen und die unbändige Lebenslust zusammen ein Lied zu singen. Diese Freude hatte die Melancholie in meinem Herzen berührt, deshalb die Träne. Mein Mann sah mich irritiert an. „Was ist?“ Ich schüttelte nur verlegen den Kopf und schneuzte. „Nichts“

Die nächste Gesangsgruppe betrat die Bühne und sang „I shot the Sherif“ von Eric Clapton – eines meiner Lieblingslieder. Der Sänger der Gruppe war voller Begeisterung dabei, forderte wild gestikulierend zum Mitsingen und Tanzen auf. Es zuckte in meinen Füßen. Ich klatsche im Takt zur Musik, aber Tanzen traute ich mich nicht. Ein junger Mann betrat die Tanzfläche und bewegte sich ruckartig zur Musik. Ihm war es völlig egal, dass er ganz allein tanzte. Er schaute sich nicht ein Mal um, ob er beoabachtet wurde oder nicht. Sein Tanzstil war schon sehr individuell, aber es war eben seiner. Und man konnte sehen, was für eine Freude ihm das Tanzen bereitete. Eine Gruppe aus Salzwedel traf ein, stellte sich neben uns. Auch sie klatschten begeistert und einige gesellten sich zu dem Tänzer. Jeder tanzte auf seine Art und nun hätte ich tanzen können, aber immer noch besaß ich nicht den Mut. Bewegte mich zwar in den Hüften, sang mit, klatschte, aber den Schritt auf die Tanzfläche traute ich mich nicht.

Es begann leicht zu tröpfeln. Mein Mann warf einen Blick auf das Programm und schlug vor, den Schloßsaal aufzusuchen. Hier sollte gleich das Märchen „Sternentaler“ von der Altenceller Lebenshilfe aufgeführt werden.

Als wir in den Saal kamen, waren schon fast alle Stühle mit stolzen Familienmitgliedern, gespannten Betreuern, aber auch von aufgeregten Behinderten besetzt. Eine unwirkliche Geräuschkulisse herrschte im Raum. Wir suchten uns schnell zwei Plätze, denn das Licht erlosch. Die Vorstellung begann.

Ein junger Mann führte in die Geschichte ein. Es dauerte ein wenig bis man sich in seine Sprache hineingehört hatte und man wirklich alles gut verstand, aber es beeinträchtigte die Aufführung keinesfalls. Wieder war diese unbändige Lebenslust und Freude der Akteure zu spüren und erneut lief eine Träne über mein Gesicht. Ein gehbehinderter Mann wäre beinah gestürzt bei seinem Versuch, die Bühne zu betreten. Ein Betreuer stürzte auf ihn zu, um zu helfen. „Laß – das schaff ich“ schüttelte dieser aber die helfende Hand ab. Wir im Publikum hielten die Luft an und freuten uns mit ihm, als er heile auf der Bühne war. Ein anderer Akteur stieß eine der hölzernen Tannenbäume um, die als Kulisse aufgebaut waren, und fluchte „Scheiße“. Doch auch das gehörte irgendwie dazu. Man spürte ganz deutlich wie aufgeregt die einzelnen Darsteller waren. Das auch sie unter Lampenfieber litten. Wieder war ich beeindruckt, mit wieviel Stolz und Freude sie dabei waren. Mein Herz war berührt. Es war dunkel um mich und so konnte ich meinen Tränen freien Lauf lassen. Wieviel Mühe und Liebe in dieser Aufführung lag, spürte ich genau. Sicher, es war simpel gehalten. Die Texte kurz und prägnant, eben zugeschnitten auf die Schauspieler und ihre Fähigkeiten, aber das tat dem Stück keinen Abbruch. Dann kurz vor Schluß – die Hauptdarstellerin hatte den Text vergessen und anstatt, wie wir es tun würden, in Hektik zu verfallen und vor Scham fast im Boden zu versinken, tratt sie einen Schritt vor, drehte sich zur Seite und rief: „Stefan, was muß ich jetzt noch mal sagen – ich weiß den Text nicht mehr“ und der Angesprochene flüsterte ihr den Schlußsatz zu, den sie vollendet wiederholte. Beifall brandete auf. Immer wieder wurden die Darsteller auf die Bühne gerufen, wo sie voller Stolz auf ihre Leistung den verdienten Applaus entgegennahmen.

Das Licht ging an. Schnell wischte ich mir die Tränen vom Gesicht, schneuzte in ein Taschentuch und ich spürte wie das maskenhafte Alltagslächeln sich in meinem Gesicht breit machte. Mit einem schiefen Grinsen sah ich meinen Mann an „War schön, nicht wahr?“ Er schaute mich von der Seite an. Er kennt mich eben gut und nahm mich liebevoll in den Arm. „Ja, schön.“

Und so saß ich noch einige Zeit da, tief berührt, Arm in Arm mit meinem Mann, während vor uns auf der Bühne bereits die Kulissen des Sternentalermärchens abgebaut wurden, und fragte mich , wer hier eigentlich behindert ist. Ich - gefangen in meiner Maske, meinem Scham und meiner Angst aufzufallen oder etwas verkehrt zu machen oder die Menschen um mich herum, die allgemein als Behinderte eingestuft werden, aber mit einer solchen Freude, Stolz und Zufriedenheit durchs Leben gehen und dieses mit einer unbeschreiblichen Lust genießen. Und ich schwor, meine Maske zukünftig öfter im Schrank zu lassen ...

Copyright: Angela Weich / 08.01.2011


 
 
 

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